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Estland wird zum Testmarkt für neue synthetische Opioide
In Estland gibt es sehr viele Drogentote. Neue synthetische Opioide wie Nitazen und Cychlorphin verdrängen Heroin fast komplett. Die Polizei kann die neuen Stoffe nur schwer zurückverfolgen.
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Host: Herzlich willkommen zum Podcast von ListenYourNews, hier ist Julia.
Guest: Und ich bin Marco. Heute sprechen wir über Estland wird zum Testmarkt für neue synthetische Opioide.
Host: Estland galt vor Jahren noch als Vorbild im Kampf gegen Fentanyl, und jetzt verzeichnet das Land EU-weit die meisten Drogentoten pro Kopf – wie passt das zusammen?
Guest: Das ist tatsächlich die paradoxe Entwicklung, um die es hier geht. Der frühere Erfolg gegen Fentanyl wurde inzwischen von einer neuen Welle synthetischer Opioide praktisch überrollt, die mittlerweile fast den gesamten Drogenmarkt beherrschen und Heroin verdrängt haben.
Host: Estland war doch eigentlich Vorreiter, oder? Ich meine, das Land hatte schon vor den USA ein massives Fentanyl-Problem.
Guest: Genau, vor mehr als zwei Jahrzehnten breitete sich Fentanyl dort massenhaft aus, noch bevor es in den USA zu einem großen gesellschaftlichen Thema wurde. Durch gezielte Polizeischläge gegen die dahinterstehenden Netzwerke sank die Zahl der Drogentoten bis 2018 immerhin um mehr als die Hälfte.
Host: Rait Pikaro von der Kriminalpolizei in Tallinn hat das ja hautnah miterlebt.
Guest: Ja, er erinnert sich, dass man die Krise damals tatsächlich für überwunden hielt. Umso bitterer ist es, dass wenige Jahre später neue Substanzen auftauchten, zunächst Nitazen und inzwischen vor allem Cychlorphin.
Host: Was unterscheidet diese neuen Stoffe eigentlich von Fentanyl oder Heroin?
Guest: Beide zählen zu den synthetischen Opioiden, deren Ausgangsstoffe ursprünglich aus der pharmazeutischen Industrie stammen. Das Entscheidende ist, dass sie sich in mobilen Labors weiterverarbeiten lassen, was die Sache für die Behörden ungleich komplizierter macht.
Host: Inwiefern komplizierter?
Guest: Nun, die Grundstoffe werden unter anderem aus Asien importiert und anschließend an wechselnden Orten gemischt. Dadurch gestaltet sich die Rückverfolgung deutlich schwieriger als etwa bei Heroin oder Kokain, wo die Lieferketten vergleichsweise etabliert und bekannt sind.
Host: Gibt es denn schon konkrete Ermittlungsansätze?
Guest: Die Polizei vermutet, dass eine der Spuren ins Nachbarland Lettland führt, allerdings gibt es bislang keine konkreten Ermittlungserfolge. Insofern bleibt vieles im Ungewissen.
Host: Mart Kalvet von der Suchthilfeorganisation Lunest spricht sogar von einem regelrechten Testmarkt.
Guest: Das trifft es ziemlich gut. Er vermutet kriminelle Netzwerke hinter dieser Entwicklung, die Estland offenbar als eine Art Erprobungsfeld für neue synthetische Opioide nutzen.
Host: Was macht das für die Konsumierenden so gefährlich?
Guest: Vor allem, dass sie oft gar nicht wissen, welche Substanz sie tatsächlich einnehmen, da sich die Drogen äußerlich kaum unterscheiden lassen. Man kauft quasi eine Blackbox.
Host: Deshalb fordert Kalvet wohl auch eine Entkriminalisierung?
Guest: Richtig, er plädiert dafür, Drogenkonsum zu entkriminalisieren und Abhängigen zu ermöglichen, ihre Substanzen vor dem Konsum testen zu lassen. Nur so ließe sich verhindern, dass Menschen völlig ahnungslos konsumieren.
Host: Wie sieht das denn in der Praxis vor Ort aus, etwa in kleineren Städten?
Guest: Nehmen wir Rakvere, eine Kleinstadt zwischen Tallinn und der russischen Grenze. Dort bekommt die Suchthilfeorganisation Convictus die Folgen der Krise täglich zu spüren.
Host: Was genau leisten die dort?
Guest: Mitarbeiterinnen wie Marju Petrov verteilen saubere Spritzen und sammeln gebrauchtes Drogenbesteck ein, und zwar nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch in den umliegenden Dörfern.
Host: Und trotz all dieser Bemühungen steigen die Zahlen weiter?
Guest: Leider ja. In den ersten Monaten dieses Jahres wurde in Estland bereits ein neuer Höchststand bei den Drogentoten erreicht, was die Dringlichkeit des Problems noch einmal unterstreicht.
Host: Kristin Mikko vom Sozialministerium beschreibt die Situation ja als ständigen Wechsel zwischen bewältigten und neu aufkommenden Krisen.
Guest: Das trifft die Dynamik ziemlich präzise. Man löst gewissermaßen ein Problem, während gleichzeitig schon das nächste heranwächst, sodass nie wirklich Ruhe einkehrt.
Host: Gibt es denn überhaupt Grund zur Hoffnung?
Guest: Pikaro verweist darauf, dass allein durch den früheren Erfolg gegen Fentanyl rund 500 Menschenleben gerettet wurden. Das zeigt immerhin, dass wirksame Maßnahmen grundsätzlich möglich sind.
Host: Aber offenbar reicht das allein nicht aus, um das Problem dauerhaft zu lösen.
Guest: Nein, denn solange eine Nachfrage nach solchen Drogen besteht, werden immer wieder neue Substanzen und Anbieter auf den Markt kommen. Es ist letztlich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Behörden und kriminellen Netzwerken.
Host: Das klingt fast so, als sei Estland ein Labor für das, was anderen Ländern noch bevorstehen könnte.
Guest: Diese Sorge schwingt tatsächlich mit. Wenn Estland als Testmarkt für neue Substanzen dient, könnten sich ähnliche Muster früher oder später auch anderswo in Europa zeigen.
Host: Das war unsere heutige Folge.
Guest: Danke fürs Zuhören!
Host: Bis zum nächsten Mal!