ListenYourNews
C1
Chemie-Nobelpreis für Kagan und Soai
Henri Kagan und Kenso Soai gewinnen den Chemie-Nobelpreis 2026. Sie forschen zu Spiegelmolekülen und zur asymmetrischen Synthese.
Start this lesson →
📖 ReadA podcast dialogue written for your level
🎧 ListenNative-sounding audio, adjustable speed
✅ QuizCheck what you understood
🎙 SpeakAn AI teacher corrects your answer
Host: Herzlich willkommen zum Podcast von ListenYourNews, hier ist Julia.
Guest: Und ich bin Marco. Heute sprechen wir über Chemie-Nobelpreis für Kagan und Soai.
Host: Dass der Chemie-Nobelpreis in diesem Jahr an zwei Männer geht, die mit einem jahrhundertealten Rätsel der Chemie ringen, finde ich bemerkenswert – Kagan und Soai haben sich mit Molekülen beschäftigt, die sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten.
Guest: Genau, und dieses Phänomen der Enantiomere beschäftigt die Wissenschaft schon seit über hundert Jahren. Viele Moleküle, etwa Aminosäuren, treten in zwei spiegelbildlichen Varianten auf, ähnlich wie die linke und die rechte Hand.
Host: Wobei sich diese Varianten, obwohl sie chemisch fast identisch wirken, in ihren Eigenschaften teilweise drastisch unterscheiden können.
Guest: Richtig, und in lebenden Organismen setzt sich meist nur eine der beiden Formen durch, weil nur sie zu bestimmten Andockstellen in den Zellen passt. Die andere Variante bleibt wirkungslos oder kann sogar schädlich sein.
Host: Das erinnert mich sofort an den Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren, der genau dieses Problem auf tragische Weise sichtbar gemacht hat.
Guest: Ja, damals wirkte eine Form des Wirkstoffs Thalidomid entzündungshemmend, während das Spiegelbild schwere Fehlbildungen bei ungeborenen Kindern verursachte. Insofern ist dieser Fall das eindrücklichste Beispiel dafür, wie gravierend sich solche kleinen Unterschiede auswirken können.
Host: Und genau hier setzt die Forschung von Kagan an, wenn ich das richtig verstehe.
Guest: Absolut. Ihm gelang 1986 an der Université Paris-Sud in Orsay ein entscheidender Fortschritt: Er fand einen Weg, chemische Reaktionen so zu beeinflussen, dass am Ende eine der beiden Molekülvarianten deutlich überwiegt.
Host: Während Soai einen anderen, aber verwandten Weg eingeschlagen hat?
Guest: Genau, er veröffentlichte 1995 zunächst eine theoretische Studie, die das Potenzial für eine Reaktion beschrieb, aus der ausschließlich einheitliche, sogenannte homochirale Moleküle entstehen könnten.
Host: Und blieb es bei der Theorie, oder konnte er das später auch praktisch belegen?
Guest: 2003 gelang ihm schließlich der praktische Nachweis einer Reaktion, bei der tatsächlich nur noch eine der beiden Spiegelformen gebildet wurde – also die vollständige Bestätigung seiner Überlegungen.
Host: Heiner Linke, der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie, bezeichnete die Leistungen der beiden als spektakulär und betonte, sie hätten eine Antwort auf ein jahrhundertealtes Rätsel der Chemie geliefert.
Guest: Was mich dabei beeindruckt: Kagan ist 1930 geboren und zählt mit 95 Jahren zu den ältesten Preisträgern der Nobelpreisgeschichte.
Host: Stimmt, nur der 2019 ausgezeichnete Chemiker John B. Goodenough war mit 97 Jahren noch älter. Insofern reiht sich Kagan in eine sehr kleine Gruppe von Forschern ein, die erst im hohen Alter diese Anerkennung erhalten haben.
Guest: Und Soai wurde bei der Bekanntgabe in Stockholm per Video zugeschaltet und zeigte sich sichtlich bewegt über die Auszeichnung, die er sich nun mit Kagan teilt.
Host: Welche praktische Bedeutung hat diese Forschung über die reine Theorie hinaus?
Guest: Eine ganz erhebliche. Die Erkenntnisse gelten als bedeutsam für die Entwicklung moderner Arzneimittel, da viele Medikamente heute gezielt als einzelnes wirksames Enantiomer hergestellt werden.
Host: Also um genau solche gefährlichen Nebenwirkungen zu vermeiden, wie sie beim Contergan-Fall auftraten.
Guest: Exakt, und folglich wirkt sich diese Grundlagenforschung bis heute konkret auf die Sicherheit von Medikamenten aus, die wir alle irgendwann einnehmen.
Host: Der Chemie-Nobelpreis ist zudem Teil einer ganzen Serie von Auszeichnungen, die diese Woche verkündet werden.
Guest: Richtig, zuvor gab es bereits den Medizin-Nobelpreis für Forschung zur Entschlüsselung der Gehirnfunktion mittels Licht sowie den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung hochenergetischer Neutrinen, und es folgen noch Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften.
Host: Dieses Jahr ist die Auszeichnung mit zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet etwa eine Million Euro.
Guest: Was mich an der Geschichte am meisten fasziniert, ist, wie lange dieses Rätsel der Chiralität die Chemie schon begleitet hat, bevor es gelöst werden konnte.
Host: Das stimmt, und gerade deshalb wirkt die Auszeichnung wie eine späte, aber umso verdientere Würdigung einer jahrzehntelangen Suche nach Kontrolle über etwas, das auf den ersten Blick so unscheinbar erscheint wie die Spiegelung eines Moleküls.
Host: Das war unsere heutige Folge.
Guest: Danke fürs Zuhören!
Host: Bis zum nächsten Mal!