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C1
Ein Gewächshaus voller Bücher und Gespräche
In Frontin, einem kleinen Dorf in Italien, hat Chiara Alpago-Novello ein altes Gewächshaus in einen Kulturort verwandelt. Bei 'La Serra' kann man ein literarisches Frühstück genießen: Man liest, isst und diskutiert zusammen.
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Host: Herzlich willkommen zum Podcast von ListenYourNews, hier ist Julia.
Guest: Und ich bin Marco. Heute sprechen wir über Literatur zum Frühstück: Ein Gewächshaus wird zum Kulturraum.
Host: Das Konzept klingt auf den ersten Blick ungewöhnlich: eine ehemalige Pflanzenhalle, die zum literarischen Treffpunkt wird. Wie funktioniert das genau?
Guest: Also, im Kern geht es darum, Bücher und Gemeinschaft miteinander zu verbinden — zwar ohne den Rahmen einer klassischen Lesung, aber mit einer ganz eigenen Struktur. Chiara Alpago-Novello hat in Frontin, einem kleinen Dorf in der Valbelluna, diesen Raum erschaffen.
Host: Und dieser Raum war ursprünglich tatsächlich ein Gewächshaus?
Guest: Genau, ein landwirtschaftlicher Nebenraum, in dem im Winter Pflanzen überwintert wurden. Chiara hat ihn in einen Ort verwandelt, wo heute Bücher, Gedanken und Gespräche zusammenkommen.
Host: Sie ist Journalistin aus Mailand, aber von einer bellunesen Familie — insofern war die Rückkehr in die Heimat wohl kein Zufall.
Guest: Absolut nicht. Vor acht Jahren hat sie bewusst entschieden, zurückzukehren. Und anstatt nur ein klassisches Bed-and-Breakfast zu eröffnen — das gibt es zwar auch, mit zwei Zimmern —, hat sie etwas viel Größeres angestrebt.
Host: Nämlich ein kulturelles Projekt. Was genau meint man damit?
Guest: Der Kern ist die sogenannte literarische Frühstücksrunde. Man trifft sich morgens an einem Tisch, isst gemeinsam, hört zu und diskutiert. Eine Autorin oder ein Autor ist eingeladen, es gibt ein von Chiara gewähltes Thema — und dann entwickelt sich das Gespräch ganz natürlich, ohne Drehbuch.
Host: Klingt weniger nach einer Vorlesung und mehr nach einem offenen Austausch.
Guest: Genau das ist der Punkt. Chiara betont, sie wolle keine Atmosphäre wie in einem Auditorium schaffen. Die Teilnehmenden sollen sich frei fühlen, zu reden und einzuwerfen — nicht passiv zuzuschauen.
Host: Wie viele Menschen nehmen denn teil?
Guest: Sie hat sich bewusst auf vierzehn Personen beschränkt. Das ist ihr Limit, damit die Atmosphäre konvivial und informell bleibt — jede Person soll wirklich die Möglichkeit haben, sich einzubringen.
Host: Das ist eine sehr niedrige Zahl für eine Kulturveranstaltung.
Guest: Stimmt, allerdings zeigt die Nachfrage, dass diese Entscheidung richtig war. Die Veranstaltungen sind meistens ausgebucht, mit Wartelisten. Wer einmal dabei war, kommt in der Regel wieder.
Host: Wie ist das Programm insgesamt aufgebaut?
Guest: Im Durchschnitt gibt es zwei Termine pro Monat. Neben den Frühstücksrunden sind auch die sogenannten Aperilibro entstanden — das sind lockerere Abendformate. Und dann gibt es noch thematische Dinnerabende, bei denen das Essen selbst Teil der Erzählung wird.
Host: Wann hat das alles begonnen?
Guest: Der erste Versuch war 2020, zunächst als dreitägiges Retreat, das mit Yoga begann. Aber dann kam der Schriftsteller Gian Luca Favetto aus Turin, und damit fand das Projekt seinen eigentlichen Fokus: die Literatur.
Host: Also war der Einstieg durchaus offen, ohne festes Konzept?
Guest: Nicht ganz zufällig, aber offen für Entwicklung. Chiara hatte offensichtlich das Gespür dafür, was fehlte: ein Ort, an dem man sich zwanglos rund um Bücher versammeln kann — ohne Formalität, ohne Distanz zwischen Publikum und Autor.
Host: Das Format bedient offenbar eine Nische, die viele gar nicht benennen konnten.
Guest: Ja, folglich hat sich daraus mittlerweile ein echtes unabhängiges Kulturzentrum entwickelt. Es gibt ein Programm, eine Webseite, einen Newsletter — strukturiert, aber nicht steif.
Host: Welche Themen werden bei diesen Frühstücksrunden behandelt?
Guest: Die Gespräche drehen sich nicht ausschließlich um das jeweilige Buch. Chiara wählt ein Thema, das durchaus aktuell oder regional sein kann — es geht auch um das Territorium, um Gegenwartsfragen. Das verleiht den Treffen eine bemerkenswerte Offenheit.
Host: Gibt es konkrete Beispiele aus dem Programm für 2026?
Guest: Ja, am 18. April ist der feministische Philosoph Lorenzo Gasparrini angekündigt. Und am 25. April gibt es eine Olivenöl-Verkostung mit Angela De Luca — sie ist Schokoladenmeisterin und steht auf der nationalen Liste der Experten für Olivenöle.
Host: Das ist eine interessante Verbindung aus philosophischem Gespräch und kulinarischem Erlebnis.
Guest: Absolut. Während bei Gasparrini das intellektuelle Gespräch im Vordergrund steht, geht es bei De Luca um eine sensorische Erfahrung — und doch gehört beides zur gleichen Idee, dass Kultur durch viele Kanäle erlebbar sein soll.
Host: Man könnte sagen, das Konzept stellt das Gesellige über das Akademische.
Guest: Genau. Und das ist vielleicht das Subversive daran. Literatur muss nicht immer von oben herab vermittelt werden — sie kann genauso gut am Frühstückstisch entstehen, zwischen Kaffee und Gespräch.
Host: Wie wichtig ist dabei die Lokalität, der Ort selbst?
Guest: Sehr wichtig, insofern er den Charakter des Projekts mit prägt. Ein ehemaliges Gewächshaus in einem alten Bergdorf hat ein ganz anderes Ambiente als ein Veranstaltungssaal in der Stadt. Die Atmosphäre gehört untrennbar zur Erfahrung dazu.
Host: Hast du das Gefühl, dass solche Formate generell im Kommen sind?
Guest: Es scheint so. In einer Zeit, in der digitale Medien dominieren, suchen viele Menschen nach echten, körperlichen Begegnungen. Der Erfolg von La Serra — mit ausgebuchten Terminen und Wartelisten — deutet darauf hin, dass dieser Bedarf real ist.
Host: Chiara hat den Raum wirklich neu gedeutet — aus einem landwirtschaftlichen Nebenraum ist ein kultureller Knotenpunkt geworden.
Guest: Ja, und das ist das Faszinierende: Sie hat nicht etwas komplett Neues aus dem Boden gestampft, sondern etwas Altes neu belebt. Das Gewächshaus trägt noch immer die Geschichte des Ortes in sich — und trotzdem ist es jetzt etwas ganz anderes.
Host: Das klingt fast wie eine Metapher für das Lesen selbst — alte Gedanken, die in einem neuen Kontext weiterleben.
Guest: Das ist eine schöne Parallele. Und vielleicht erklärt sie auch, warum das Format so gut ankommt: Es verbindet Vergangenheit und Gegenwart, Ort und Idee, Essen und Denken — alles zusammen, ohne Hierarchie.
Host: Das war unsere heutige Folge.
Guest: Danke fürs Zuhören!
Host: Bis zum nächsten Mal!